Fotoleiste vom 10.5.2011

In der Haupthalle (Foto Marcel Seyppel)
Biolab-Trainingsmodell (Foto Marijke Santjer)
Dr. Bollender erklärt die Raumfähren (Foto Marijke Santjer)
Ort der medizinischen Überwachung (Foto Marijke Santjer)
Modell der Columbus-Fähre (Foto Marijke Santjer)
Das europäische Trainingsmodul "Columbus" für die Astronauten, die zur internationalen Raumstation ISS fliegen (Foto Christian Marquordt)
Mock-Ups für das Astronautentraining des russischen Moduls der ISS und des unbemannten Versorgungs-Transporters (Foto Christian Marquordt)
Das europäische Trainingsmodul "Columbus" (Foto Simone Blaschke)

Bericht von einer Besuchsveranstaltung am 10. Mai 2011

Dr. Bolender stellt EAC vor | Foto: Seyppel

Das Herz der europäischen Raumfahrt schlägt in Köln

Pure Neugierde treibt die Wissenschaft in der Weltraumforschung an und führt zu immer neuen Höhenflügen. Neugierde stand auch im Mittelpunkt eines Journalisten-Besuchs im Ausbildungszentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der ESA am 10. Mai in Köln-Porz.  Der gemeinsamen Einladung der Kölner Journalisten-Vereinigung / Deutscher Journalisten Verband DJV und des ABC-Cluster Luft-und Raumfahrt NRW waren vierzig Journalisten aus Bonn und Köln gefolgt.

Das Urteil der Kollegen und Kolleginnen im Anschluss fiel eindeutig aus: der Rundgang durch das europaweit einzige und einzigartige Astronautenausbildungszentrum EAC in Köln-Porz war hochinteressant, wenngleich zu kurz. Etwas überspitzt lässt sich resümieren: Für jeden Journalisten waren interessante Themen und Fragen dabei. Doch wenn sich zu viele Fragen etwa zu Anwendungen der Raumfahrt in anderen Wissensbereichen der Gesellschaft oder zu den spannenden Merkmalen einer Top-Ausbildung zum Astronauten ergeben, ist der zeitliche Rahmen rasch gesprengt. So mussten Fragen auf der Strecke bleiben, „um den Betrieb nicht aufzuhalten und nichts zu verpassen“.

Bedeutung der Ausbildung

Um was ging es? Die Aufgabe der Europäischen Weltraumorganisation ESA  ist es, die Entwicklung der europäischen Raumfahrt zu koordinieren und zu fördern, so die erste PPT-Folie vom freundlichen Ausbildungsleiter Dr. Hans Bollender. Der Einsatz im Weltall ist gewissermaßen der Kern des Unternehmens: Sowohl Auswahl wie auch Ausbildungsqualität entscheiden über Erfolg oder Misserfolg einer Mission.  Auch wenn Roboter immer mehr Aufgaben übernehmen können – so Bollender zu einer der zahlreichen Fragen – der Mensch steht immer im Mittelpunkt. „Wir brauchen beide. Roboter z.B. für gefährliche Arbeiten und Astronauten, um sie zu händeln. Sie stehen nicht im Gegensatz zueinander“, betonte Bollender.

Sie sei von der Lernfähigkeit der sechs (aus 8.500 Bewerbern ausgewählten) Astronauten in Spe immer wieder völlig überrascht, konstatiert Trainerin Winterling. Sie führte die Gruppe durch das Andockraumschiff, ein 1 zu 1 Modell. Die Maße beeindrucken. Sich vorzustellen, wie bis zu sechs Personen in Schwerelosigkeit in diesem winzigen Raum monatelang Forschungsarbeiten ausführen, leben, essen können, “ohne nur einmal ein Fenster aufmachen zu können“, wie sie leicht sarkastisch bemerkt, ist durchaus desillusionierend.

Hintergrund: ESA und EAC

Gegründet wurde das European Astronaut Centre (EAC) 1990 in Köln. Es ist die Heimatbasis der ESA-Astronauten. Das EAC ist zuständig für die Trainingsprogramme zahlreicher Missionen, insbesondere die der Internationalen Raumstation ISS. Zudem werden in Köln die Trainingsprogramme zwischen der ESA und den ISS-Partnerorganisationen in den USA, Russland und Japan koordiniert. Im EAC werden alle ISS-Astronauten an den europäische Modulen der Station trainiert: dem Columbus Weltraumlabor, dem ATV Raumtransporter und sämtlichen ESA-Nutzlastsystemen wie dem Biolab und dem Fluid Science Lab. Zudem trainiert und zertifiziert das EAC die Bodenkontrollteams für das Weltraumlabor Columbus.

Wer wird Astronaut?

Wer bei künftigen Missionen der ESA mitmachen will muss vor allem eins sein: Teamplayer. Wir sehen es den Gesichtern des letzten Teams an: Es sind Menschen, denen man die geradezu alpinistische Teamfähigkeit, diesen Willen und die Freude am "Aufstieg auf den Gipfel", im Gesicht ablesen kann. Gesucht werden  Persönlichkeiten zwischen 30 und 35 - mit profundem naturwissenschaftlichem Wissen (Hochschulstudium),  Auslandserfahrungen, bestem Englisch und möglichst auch Russisch. „Der Wunsch nach Astronatinnen ist groß bei uns. Beim letzten Auswahlverfahren haben wir leider nur eine Dame auswählen können. Es gibt Länder in Europa, in denen Frauen in technischen Berufen ganz groß sind, z.B.: Italien und es gibt Länder, in denen das eine schlichte Katastrophe ist, dazu gehört leider auch Deutschland“, betonte Bolender.

Astronaut - ein Traumberuf?

Die Ausbildung dauert fünf Jahre. Los geht es mit einem 18 monatigem Grundkurs in Köln. „Wir haben zum ersten Mal in Europa die Grundausbildung, das basic-Training, selbst entwickelt und implementiert. Das ganze Programm hat in der Summe drei Millionen Euro gekostet.“ Gut investiertes Geld. Denn die entwickelten Ausbildungsstandards und administrativen Systeme erfreuten sich “zunehmend größeren Interesses“, zum Beispiel im Rahmen des on-the-job-Trainings künftiger Ingenieure. Dann folgt ein Fortgeschrittenentraining über 12 Monate bei den Partnern im amerikanischen Houston, im ‘Sternenstädtchen’ in Moskau, in Montreal und Tokio.

Für die ISS nominierte Mannschaften absolvieren vor dem Flug nochmals ein 30 monatiges Training an allen Zentren. Zentrifugen-Übungen zur Simulation der Beschleunigungskräfte oder Tests zur Schwerelosigkeit machten nur einen kleinen Anteil aus, erläutert Bolender. Vor allem gehe es um die Vermittlung wissenschaftlicher und technischer Details: Andockmanöver für Raumstations-Module, Wartungsarbeiten an Systemen, Experimententraining, Verhalten bei Systemfehlern.

Neue Mannschaft

Alexander Gerst heißt der neue Mann im All aus Deutschland. Er tritt in die Fußstapfen berühmter ESA-Astronauten wie Reinhold Ewald, Hans Schlegel, Ulf Merbold oder Thomas Reiter. Wann geht ein Astronaut in Rente und was macht nach seiner aktiven Zeit, will ein Teilnehmer wissen. Gerade Thomas Reiter sei ein gutes Beispiel für den Karriereverlauf eines Astronauten. Er ist seit dem 18. April 2011 ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt. „In Rente geht es mit sechzig. Wie er gehen viele Astronauten aber schon vorher ins Management oder bauen eine Hochschulkarriere auf. Sie können trotzdem wieder für eine Mission berufen werden.“

Das EAC ist „die letzte Instanz“

In der Trainingshalle in Köln stehen Modelle von Raumfahrtmodulen in Originalgröße: Sektionen des  Weltraumtransporters ATV und des Weltraumlabors Columbus. Im Inneren sind Nutzlastschränke, Ventile, Leitungen, Schalter zu sehen. Die Laborracks sind mit Bildern nachgestellt. An Laptops üben die Astronauten die Steuerung der Systeme für Luft, Heizung, Wasserkühlung, Energie und Kommunikation. Eine der Ausbilderinnen kommt vom Raumfahrtunternehmen EADS Astrium in Bremen, die maßgeblich am Bau von Columbus und ATV beteiligt waren und sie weiter betreuen. Sie kennt wie ihre Kollegen alle Details und wird regelmäßig über neue technische Entwicklungen informiert. In Köln gibt sie ihr Wissen an die Astronauten weiter und trainiert mit ihnen alle denkbaren Probleme und mögliche Lösungen. „Wir stehen nicht als Lehrer vor unwissenden Schülern. Manchmal wissen die Astronauten mehr als wir. Wir sind Partner.“  Ihre Kollegin ergänzt: “Wir sind nicht nur die Mittler, wir sind auch die letzte Instanz. Uns sehen die Astronauten als Letzte, bevor sie nach oben gehen“

Das System ist „ein-Fehler-tolerant“

Sofort folgt die Frage nach der Anfälligkeit des Columbus. Alle Systeme seien redundant ausgelegt. „Es gibt immer zwei gleiche Komponenten. Ein Fehler kann passieren. Wenn ein weiterer schwerer Fehler passiert, würde es nicht für die Astronauten kritisch, aber für die Experimente, da der Strom und die Kühlung ausfallen würden.“ Die Astronauten ergänzen sich. Im Training gibt es drei verschiedene level. Nicht jeder Astronaut lernt an jedem System das Gleiche. Es gibt User, Operator und Spezialisten. Jeder kann für den anderen einspringen.

Experimente im All - Anwendungen auf der Erde

Nur wenn der Faktor Schwerkraft über längere Zeiträume ganz oder teilweise eliminiert wird, lässt sich der Einfluss anderer Faktoren auf den menschlichen Organismus oder Pflanzen genauer untersuchen. Das Biolab ermöglicht Versuche mit Zellen, Gewebekulturen, Mikroorganismen, kleinen Pflanzen und wirbellosen Tieren. Beispiel: Wie orientieren sich Pflanzen ohne Schwerkraft? Diese Frage soll das Pflanzenwachstumsexperiment Waico klären. Die Ergebnisse dieser Forschungen dienen der Züchtung neuer Pflanzensorten mit optimiertem Wachstum. Das Fluid Science Lab (FSL) untersucht das dynamische Verhalten von Flüssigkeiten. Aktuell wird ein repräsentatives Gemisch von drei verschiedenen Kohlenwasserstoffen, wie es in Erdöllagern vorkommt, untersucht. Die Ergebnisse machen die Vorhersage für Erdöllager leichter und könnten die Anzahl von Testbohrungen deutlich verringern.

Mikro- und Makroebene

 Ein Teilnehmer fragt nach medizinischen Experimenten auf molekularer Ebene. Auch die gibt es. „Im geplanten Experiment Triple Lux geht es um  Einwirkungen von Raumflugbedingungen auf das Immunsystem und das Erbgut. Dafür wurde ein neues kombiniertes Messsystems entwickelt, um die Aktivität der Immunzellen messen zu können.“ Und wie ist es um die bemannte Raumfahrt der ESA bestellt? Man könnte das ATV zu einem bemannten Raumfahrtzeug umbauen. „Schritte in diese Richtung sind aber nur möglich, wenn die drei großen europäischen Länder Italien, Frankreich und Deutschland dafür wären. Sie sind alle schon einmal alle dafür gewesen, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten.“ beklagt Bolender die fehlende politische Entschlusskraft Europas.

Ausblick: der Tag der Luft- und Raumfahrt am 18. September 2011

Wer Hightech live erleben will: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) veranstaltet am 18. September 2011 den "Tag der Luft- und Raumfahrt". An diesem Tag zeigen das DLR und die ESA gemeinsam mit ihren Partnern in Köln-Porz exzellente Forschung aus Luft- und Raumfahrt, Energie und Verkehr in ihrer gesamten Bandbreite.