Der zweite Blick: Das Potenzial der ABC-Region in der Luft- und Raumfahrt

Prof. Dr. Berndt Feuerbacher ist Direktor a.D. des Instituts für Raumsimulation beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Seit 2008 ist er Präsident der Internationalen Astronautischen Föderation. Foto: Feuerbacher

Was zeichnet die ABC-Region als Standort der Luft- und Raumfahrt aus?

Im Raum Aachen-Bonn-Köln herrscht in der Luft- und Raumfahrt eine Konzentration, wie man sie abgesehen von Bayern so in Deutschland nicht vorfindet. Die Universität Bonn hat beispielsweise zahlreiche Versuche für den Spaceshuttle gemacht. Die RWTH Aachen ist als Exzellenzuniversität eine der wichtigsten Lehr- und Forschungsanstalten der Luft- und Raumfahrt. Auch das Institut für Luftfahrtrecht der Uni Köln ist in Deutschland einzigartig.

In Lehre, Forschung und Entwicklung nimmt die Region einen europäischen Führungsplatz ein, der auf die Wirtschaft ausstrahlt. Sie ist stärker von der Luft- und Raumfahrt geprägt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Was charakterisiert die Luft- und Raum an Rhein und Ruhr?

Sie ist vor allem mittelständisch geprägt. Das heißt, „große Namen“ aus der Branche wie Airbus oder MTU fehlen. Unter dem Strich hängen allerdings mehr Arbeitsplätze dran, als zum Beispiel in Hannover oder Berlin. Es gilt nun, das Potenzial der Region zusammenzuführen.

Welchen Nutzen hat die DLR-Forschung für den Standort und die Unternehmen?

Die Zusammenarbeit funktioniert! Gewisse Parameter lassen sich im Weltraum viel besser testen und bestimmen. Ein gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit von Weltraumforschern des DLR mit der Gießereitechnik. Diese Wirtschaftssparte ist NRW traditionell in kleinen und mittelständischen Unternehmen verwurzelt.

Im Materialbereich spielt heute die Entwicklung neuartiger Legierungen und Gusstechniken für Motoren eine große Rolle. Die Firmen geben uns an, was sie an Daten für ihre Computermodelle brauchen. Wir führen entsprechende Experimente im Weltraum durch und leiten die Ergebnisse zurück. Hiervon profitieren Flugzeugbau und Automobilindustrie, etwa mit neuen Gusstechniken für Motoren.

Welchen praktischen Nutzen hat die Weltraumforschung für die Menschen?

Der medizinische Bereich wird immer wichtiger. Das DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln-Porz ist eines der größten in ganz Europa. Wir erforschen vor allem, wie wir die Gesundheit auf der Erde verbessern können – durch Erkenntnisse, die wir im Weltraum gewinnen, zum Beispiel beim Knochenschwund. Knochen- und Muskelabbau findet unter Schwerelosigkeit in beschleunigter Weise statt. Weltraummissionen bieten die einzigartige Situation, die Rolle der Schwerkraft und der Belastung von Knochen und deren Abbau genau zu untersuchen.

Der Fachkräftemangel ist momentan ein großes Thema in der Branche. Wie kann man den wissenschaftlichen Nachwuchs für die Raumfahrt gewinnen?

Wir als Wissenschaftler müssen den Kontakt zu den jungen Leuten behalten. Besonders die bemannte Raumfahrt übt eine ungeheure Faszination aus. Man muss sie nutzen, um die Jugend an die harten Studienfächer heranzuführen.

Das beginnt bereits in der Schule, um die Wahl ihrer Ausbildung zu beeinflussen. Das DLR macht das seit fünf Jahren mit seinem School-Lab in Köln-Porz. Wir bringen die Forscher fast aller Institute ein und bieten damit eine unvergleichliche Authentizität.

Prof. Dr. Berndt Feuerbacher ist Direktor a.D. des Instituts für Raumsimulation beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das Gespräch führte Dr. Marcel Seyppel.